Due Diligence

Die Nacht war kurz gewesen. Zu kurz.

Varga hatte vielleicht zwei Stunden geschlafen – unruhig, von Träumen durchzogen, die er sofort wieder vergaß. Bilder von Listen. Von Namen, die durchgestrichen wurden. Von Gesichtern, die er kannte, aber nicht retten konnte.

Um fünf Uhr morgens stand er auf. Die Wohnung war still, nur das leise Brummen des Kühlschranks und das ferne Rauschen der Stadt. Er duschte kalt – so kalt, dass es wehtat – und machte sich einen doppelten Espresso mit der alten Bialetti, die er seit zwanzig Jahren besaß. Das Aluminium war fleckig, der Griff angesengt, aber der Kaffee schmeckte besser als aus jeder Maschine.

Draußen war es noch dunkel. Frankfurt schlief. Die Skyline war nur eine Ansammlung von Schatten, durchbrochen von vereinzelten Lichtern – Putzkolonnen, Sicherheitsdienste, die Unermüdlichen, die nie nach Hause gingen.

Aber Susanne Mertens schlief vielleicht nie wieder, wenn er sie nicht rechtzeitig erreichte.

Er hatte es die ganze Nacht versucht. Ihr Handy: Mailbox, nach dem vierten Klingeln, jedes Mal dieselbe sachliche Ansage. Ihre Festnetznummer: ein Freizeichen, das ins Leere lief. Ihre Assistentin bei Transact Europe: „Frau Mertens ist heute nicht im Büro. Kann ich etwas ausrichten?" Nein, konnte sie nicht.

Er hatte sogar eine E-Mail geschrieben – „Dringend. Ruf mich an. Es geht um Meridian." – aber keine Antwort bekommen. Nur die automatische Lesebestätigung: Zugestellt um 01:47 Uhr. Aber nicht geöffnet.

Susanne Mertens. Name Nummer zwei auf der Liste.

Varga kannte sie seit zwanzig Jahren. Sie war Chief Compliance Officer bei der Transact Europe AG, einem der größten Zahlungsabwickler des Kontinents. Viertausend Mitarbeiter, Niederlassungen in achtzehn Ländern, ein Jahresumsatz, der in die Milliarden ging. Und Susanne war diejenige, die dafür sorgte, dass alles sauber blieb. Dass die Regeln eingehalten wurden. Dass niemand über die Stränge schlug.

Eine Frau, die Regeln nicht nur kannte, sondern lebte. Die in Meetings immer die unbequemen Fragen stellte – „Haben wir das schriftlich?", „Wer hat das genehmigt?", „Wo ist die Dokumentation?" Die nie etwas durchgehen ließ. Die sich Feinde machte, weil sie ihren Job zu gut machte.

Bei Projekt Meridian war sie die Aufpasserin gewesen. Diejenige, die sicherstellte, dass alles nach Vorschrift lief. Dass keine Grenzen überschritten wurden. Dass die Verträge wasserdicht waren und die Prozesse nachvollziehbar.

Zumindest offiziell.

Inoffiziell hatte Varga sich immer gefragt, wie viel Susanne wirklich gewusst hatte. Wie viel sie gesehen und ignoriert hatte. Wie viel sie hätte verhindern können – wenn sie gewollt hätte.

Er stellte die leere Espressotasse in die Spüle – neben die drei anderen vom Vortag, die er nicht gespült hatte – und griff nach seinem Mantel. Dunkelblauer Kaschmir, ein Geschenk von seiner Ex-Frau, aus einer Zeit, als sie noch glaubte, ihn ändern zu können. Der Mantel war geblieben. Die Frau nicht.

Wenn Susanne nicht ans Telefon ging, würde er zu ihr fahren. Ihre Adresse hatte er noch – gespeichert in seinem alten Nokia-Backup, das er nie gelöscht hatte. Aus einer Zeit, als sie sich gelegentlich privat getroffen hatten. Abendessen im Holbein's, Drinks in der Jimmy's Bar, Gespräche, die länger dauerten, als sie sollten. Vor Meridian. Vor allem.

Bevor sie aufgehört hatten, einander zu vertrauen.

Susanne Mertens wohnte in Oberursel, in einem der ruhigen Vororte nördlich von Frankfurt. Fünfzehn Kilometer vom Bankenviertel entfernt, aber eine andere Welt. Alte Villen aus der Gründerzeit, gepflegte Gärten mit Buchsbaumhecken, diskrete Wohlhabenheit hinter schmiedeeisernen Zäunen. Die Sorte Gegend, in der Menschen lebten, die es geschafft hatten – und die nicht wollten, dass man darüber redete.

Die Straßen waren leer um diese Zeit. Nur ein Jogger mit Stirnlampe, ein Hund, der an einer Laterne schnüffelte, ein Zeitungsbote auf einem klapprigen Fahrrad. Das normale Leben, das weiterging, während woanders Menschen starben.

Varga parkte seinen Wagen – einen zehn Jahre alten Audi A6, den er aus Prinzip fuhr, obwohl er sich längst etwas Besseres leisten konnte – vor einem weißen Haus mit schwarzem Dach. Jugendstil, um 1910 gebaut, liebevoll restauriert. Susanne hatte es vor acht Jahren gekauft, nach ihrer zweiten Scheidung. „Mein Neuanfang", hatte sie damals gesagt. „Ein Ort nur für mich."

Die Rollläden waren unten. Alle. Auch die im Obergeschoss, die sie normalerweise offen ließ, weil sie das Morgenlicht liebte. Kein Licht hinter den Lamellen. Kein Lebenszeichen.

Varga stieg aus. Die Luft war kalt und feucht, der Boden glitschig von Raureif. Sein Atem bildete kleine Wolken, die sofort wieder verschwanden.

Er ging zur Haustür – massives Holz, dunkelgrün lackiert, mit einem Messingklopfer in Form eines Löwenkopfs – und klingelte. Ein gedämpftes Summen im Inneren. Dann Stille.

Er wartete. Zählte bis dreißig. Klingelte erneut. Länger diesmal, den Finger auf dem Knopf, bis das Summen fast aggressiv klang.

Immer noch nichts.

Sein Magen zog sich zusammen. Die SMS von gestern Nacht hallte in seinem Kopf, jedes Wort ein Hammerschlag: „Susanne Mertens. Morgen. Passen Sie auf."

Morgen war jetzt. Morgen war hier.

Er trat einen Schritt zurück und schaute an der Fassade hoch. Keine Bewegung hinter den Fenstern. Keine Schatten. Nichts.

Er ging um das Haus herum, durch den Seiteneingang in den Garten. Ein schmaler Kiesweg, eingefasst von Lavendelbüschen, die im Sommer dufteten, jetzt aber nur kahle Stängel waren. Der Garten dahinter war größer, als man von vorne vermutete – ein gepflegter Rasen, eine alte Eiche, ein kleiner Teich, der jetzt zugefroren war.

Die Terrassentür stand einen Spalt offen. Nicht viel – vielleicht zwei Zentimeter – aber genug, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte. Susanne war paranoid, was Sicherheit anging. Dreifach verriegelte Türen, Alarmanlagen, Bewegungsmelder. Sie hätte niemals eine Tür offen gelassen. Niemals.

„Susanne?"

Seine Stimme klang fremd in der Morgenstille. Zu laut. Zu verzweifelt.

Keine Antwort.

Varga zog den Ärmel seines Mantels über die Hand – keine Fingerabdrücke, dachte er automatisch, obwohl er nicht wusste, warum das wichtig sein sollte – und schob die Tür auf.

Der Geruch traf ihn zuerst. Nicht der Geruch des Todes – so weit war es noch nicht – sondern etwas anderes. Abgestandene Luft. Parfüm, das zu lange in einem geschlossenen Raum gehangen hatte. Und darunter, kaum wahrnehmbar: etwas Süßliches. Chemisches.

Er trat ein.

Das Wohnzimmer war aufgeräumt. Zu aufgeräumt.

Varga kannte Susannes Stil. Sie war organisiert, ja, aber nicht steril. Normalerweise lagen Zeitschriften auf dem Couchtisch – Wirtschaftswoche, Handelsblatt, manchmal eine Vogue, von der sie behauptete, sie gehöre ihrer Nichte. Normalerweise stand eine Tasse in der Spüle, halb ausgetrunken, weil sie immer vergaß, ihren Tee zu Ende zu trinken. Normalerweise standen Schuhe im Flur – die flachen für zu Hause, die hohen für die Arbeit, die Laufschuhe für den Sonntag.

Jetzt: nichts. Keine Zeitschriften. Keine Tasse. Keine Schuhe. Es sah aus wie ein Musterhaus – oder wie ein Ort, den jemand verlassen hatte, der nicht zurückkommen wollte. Oder wie ein Ort, den jemand aufgeräumt hatte, der wollte, dass es so aussah.

„Susanne?"

Seine Stimme hallte durch die leeren Räume. Keine Antwort. Nur das leise Ticken einer Standuhr im Flur, die er vorher nicht bemerkt hatte.

Varga ging durch die Räume, systematisch, wie er es bei Due-Diligence-Prüfungen gelernt hatte. Jeden Raum einmal komplett erfassen, bevor man weitergeht. Nichts übersehen. Nichts annehmen.

Küche: leer. Die Arbeitsflächen blitzten, als wären sie gerade geputzt worden. Der Kühlschrank summte leise. Varga öffnete ihn – Milch, Butter, ein halbes Brot, eine Flasche Weißwein. Normale Dinge. Lebendige Dinge.

Esszimmer: leer. Ein Tisch für sechs Personen, der nie benutzt wurde. Susanne hatte selten Gäste.

Arbeitszimmer: leer. Ein Schreibtisch aus dunklem Holz, ein Laptop – zugeklappt, aber das Ladekabel steckte noch in der Steckdose. Bücherregale voller Fachliteratur: Compliance, Geldwäscheprävention, Zahlungsverkehrsrecht. Das Leben einer Frau, die ihre Arbeit mit nach Hause nahm.

Dann die Treppe nach oben. Varga legte die Hand auf das Geländer – kühles Holz, glatt poliert – und stieg hinauf. Jede Stufe knarrte leise unter seinem Gewicht.

Er fand sie im Schlafzimmer.

Sie lag auf dem Bett, vollständig angezogen. Dunkelgraues Kostüm, weiße Bluse, die Schuhe noch an den Füßen – schwarze Pumps mit niedrigem Absatz, die sie immer trug, wenn sie ins Büro ging. Die Hände auf der Brust gefaltet, wie aufgebahrt. Wie arrangiert. Wie eine Skulptur, die jemand sorgfältig positioniert hatte.

Ihr Gesicht war friedlich. Zu friedlich für jemanden, der tot war. Keine Anspannung, keine Angst, kein Kampf. Nur Ruhe. Als würde sie schlafen. Als würde sie gleich aufwachen und fragen, was er hier zu suchen hatte.

Aber sie würde nicht aufwachen. Das wusste Varga, noch bevor er ihre Hand berührte – kalt, steif, leblos.

Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser. Halb leer. Daneben eine Tablettenpackung – Zolpidem, ein Schlafmittel, das Varga kannte, weil sein Arzt es ihm einmal verschrieben hatte. Die Packung war leer. Zehn Tabletten, laut Aufdruck. Genug, um jemanden schlafen zu lassen. Für immer.

Und ein Umschlag. Weiß. Unbedruckt. Ungeöffnet.

Varga starrte auf die Szene. Sein Herz schlug langsam, schwer, als würde es gegen etwas ankämpfen, das er noch nicht benennen konnte. Trauer? Wut? Schuld?

Alles davon. Nichts davon.

Selbstmord. So sollte es aussehen. So würde die Polizei es sehen. Eine Frau unter Druck, eine Frau mit Geheimnissen, eine Frau, die einen Ausweg gesucht hatte.

Aber Varga wusste es besser.

Susanne Mertens war viele Dinge gewesen – schwierig, kompromisslos, manchmal rücksichtslos – aber sie war keine Frau, die aufgab. Sie war eine Kämpferin. Eine Überlebende. Sie hatte zwei Scheidungen überstanden, drei Firmenskandale, einen Krebsverdacht, der sich als falscher Alarm herausstellte. Sie hatte immer weitergemacht. Immer.

Sie hätte sich nicht umgebracht. Nicht so. Nicht ohne Abschiedsbrief. Nicht ohne Erklärung.

Es sei denn, jemand hatte ihr keine Wahl gelassen.

Er rief die Polizei nicht sofort an. Stattdessen zog er Handschuhe aus seiner Manteltasche – dünne Lederhandschuhe, die er im Winter trug, aber die jetzt einen anderen Zweck erfüllten – und nahm den Umschlag vom Nachttisch.

Sein Name stand darauf. In sauberer, gedruckter Schrift. Keine Handschrift – Computerschrift, Times New Roman, 14 Punkt. Unpersönlich. Präzise.

Thomas Varga.

Er öffnete den Umschlag. Seine Hände zitterten nicht – noch nicht – aber er spürte, wie sein Puls schneller wurde. Darin: ein einzelnes Blatt Papier. Weißes Kopierpapier, 80 Gramm, das man in jedem Büro fand.

Die Nachricht war kurz. Jedes Wort ein Skalpell.

„Sie haben sie nicht gerettet.

Sie hätten es können. Sie hatten zwölf Stunden. Aber Sie haben geschlafen, während sie starb. Sie haben gezögert, während sie aufhörte zu atmen.

Wie damals. Wie bei Meridian.

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