Onboarding
Thomas Varga hatte in dreißig Jahren viel gesehen. Fusionen, die Karrieren zerstörten. Deals, die über Nacht platzten. Menschen, die am Freitag noch Vorstand waren und am Montag ihre Schreibtische räumten. Er hatte gelernt, dass in dieser Branche nichts sicher war – außer der Tatsache, dass jeder irgendwann an der Reihe war.
Aber eine Todesliste hatte er noch nie gesehen.
Er saß in seinem Büro im 14. Stock eines Glasturms im Westend, den Blick auf die PDF-Datei gerichtet, die seit drei Tagen auf seinem Bildschirm lag. Sieben Namen. Schwarze Schrift auf weißem Grund. Nüchtern, wie eine Tagesordnung. Wie ein Protokoll.
1. Philipp Reiter durchgestrichen
2. Susanne Mertens
3. Jürgen Hoff
4. Claudia Brenner
5. Thomas Varga
6. Marcus Breitner
7. [Name geschwärzt]
Varga kannte jeden einzelnen Namen. Natürlich tat er das. Die Payment-Branche in Deutschland war ein Dorf. Ein Dorf mit Milliardenumsätzen, aber trotzdem ein Dorf. Jeder kannte jeden. Jeder hatte mit jedem gearbeitet, gestritten, verhandelt. Jeder hatte Geschichten über jeden.
Aber was verband diese sieben Menschen? Was hatten sie gemeinsam – außer der Tatsache, dass einer von ihnen bereits tot war?
Varga rieb sich die Augen. Er hatte schlecht geschlafen. Seit drei Nächten. Seit er die E-Mail geöffnet hatte.
Sein Telefon summte. Eine Nachricht von seiner Assistentin: „Herr Breitner möchte Sie sprechen. Dringend."
Marcus Breitner. Name Nummer sechs auf der Liste.
Varga starrte auf die Nachricht. Dann auf die Liste. Dann wieder auf die Nachricht.
Zufall? In dieser Branche gab es keine Zufälle.
Das Büro von Marcus Breitner lag im 23. Stock des Nexora Towers – neun Stockwerke über Varga, was in der Hierarchie der Konzernwelt alles sagte, was man wissen musste. Breitner war CEO der Nexora Payment AG, einem der größten Payment-Dienstleister Europas. Ein Mann, der auf Titelseiten lächelte und in Hinterzimmern Karrieren beendete.
Varga kannte ihn seit fünfzehn Jahren. Sie hatten zusammen Deals gemacht, zusammen gefeiert, zusammen geschwiegen, wenn es nötig war. Freunde waren sie nie gewesen. In dieser Branche hatte man keine Freunde. Man hatte Verbündete. Und manchmal nicht mal das.
„Thomas." Breitner stand am Fenster, den Rücken zur Tür, als Varga eintrat. Er drehte sich nicht um. „Schließ die Tür."
Varga schloss die Tür.
„Setz dich."
Varga setzte sich nicht. „Was gibt's, Marcus?"
Jetzt drehte Breitner sich um. Er sah müde aus. Älter als sonst. Die Fassade hatte Risse bekommen – kleine, aber sichtbar für jemanden, der wusste, wo er hinschauen musste.
„Du hast die E-Mail bekommen", sagte Breitner. Keine Frage. Eine Feststellung.
Varga schwieg.
„Ich auch." Breitner ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich. „Vor vier Tagen. Einen Tag bevor Reiter starb."
„Und du hast nichts gesagt?"
„Was hätte ich sagen sollen? ‚Hallo Polizei, ich habe eine mysteriöse Liste bekommen, auf der mein Name steht'?" Breitner lachte, aber es war kein echtes Lachen. „Die hätten mich für verrückt erklärt. Oder schlimmer – für schuldig."
Varga setzte sich jetzt doch. „Wer hat sie geschickt?"
„Keine Ahnung. Anonymer Server. Verschlüsselt. Unsere IT hat versucht, die Quelle zu finden. Nichts."
„Und die anderen Namen? Hast du mit ihnen gesprochen?"
Breitner schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich wollte erst mit dir reden."
„Warum ich?"
Breitner sah ihn an. Lange. Zu lange.
„Weil du der Einzige bist, dem ich vertraue."
Vertrauen. Ein großes Wort in einer Branche, in der Verträge mehr galten als Handschläge und Handschläge mehr galten als Worte. Varga wusste nicht, ob er Breitner glauben sollte. Aber er wusste, dass er Antworten brauchte.
„Erzähl mir von der Liste", sagte er. „Was verbindet uns?"
Breitner lehnte sich zurück. „Ich habe nachgedacht. Drei Nächte lang. Und ich glaube, ich weiß es."
„Dann sag's."
„2014. Das Projekt Meridian."
Varga spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Meridian. Ein Name, den er seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Ein Name, den er vergessen wollte.
„Das ist zehn Jahre her", sagte er.
„Manche Dinge verjähren nicht."
Projekt Meridian. Eine Kooperation zwischen sechs Payment-Unternehmen, um ein gemeinsames Clearing-System aufzubauen. Milliarden-Investitionen. Jahrelange Verhandlungen. Und dann – das Scheitern. Spektakulär, öffentlich, teuer.
Offiziell war es an technischen Problemen gescheitert. Inoffiziell wusste jeder, dass es an Menschen gescheitert war. An Gier. An Verrat. An Entscheidungen, die hinter verschlossenen Türen getroffen wurden.
„Die Liste", sagte Varga langsam. „Das sind die Leute, die damals am Tisch saßen."
Breitner nickte. „Alle sieben. Die Projektleitung. Die Entscheider."
„Und jemand rächt sich jetzt? Nach zehn Jahren?"
„Sieht so aus."
Varga stand auf und ging zum Fenster. Frankfurt lag unter ihm, grau und geschäftig, gleichgültig gegenüber den Dramen, die sich in seinen Glastürmen abspielten.
„Wer ist der siebte Name?", fragte er. „Der geschwärzte?"
Breitner schwieg.
„Marcus. Wer ist es?"
„Ich weiß es nicht." Breitners Stimme war leise. „Aber ich habe eine Vermutung."
„Dann sag sie."
Breitner sah ihn an. In seinen Augen lag etwas, das Varga noch nie bei ihm gesehen hatte: Angst.
„Ich glaube, der siebte Name ist der Killer."
Varga verließ Breitners Büro mit mehr Fragen als Antworten. Projekt Meridian. Ein Kapitel, das er abgeschlossen hatte – oder zumindest geglaubt hatte, es abgeschlossen zu haben.
Er erinnerte sich an die Meetings. Die endlosen Diskussionen. Die Machtkämpfe. Und er erinnerte sich an das Ende: den Tag, an dem alles zusammenbrach. An dem Schuldzuweisungen flogen wie Messer. An dem Karrieren endeten und Freundschaften zerbrachen.
Wer hatte am meisten verloren?
Er nahm den Aufzug nach unten und trat auf die Straße. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war feucht und kalt. Er zündete sich eine Zigarette an – eine Gewohnheit, die er vor Jahren aufgegeben hatte und die in den letzten drei Tagen zurückgekehrt war.
Sein Handy klingelte. Unbekannte Nummer.
Er nahm ab. „Varga."
Stille. Dann eine Stimme. Verzerrt, elektronisch, geschlechtslos.
„Sie haben die Liste bekommen, Herr Varga."
Sein Herz setzte einen Schlag aus. „Wer sind Sie?"
„Das spielt keine Rolle. Was zählt, ist die Frage: Erinnern Sie sich an Meridian?"
„Was wollen Sie?"
„Gerechtigkeit." Eine Pause. „Manche Schulden werden nie beglichen. Manche Fehler nie korrigiert. Bis jetzt."
„Reiter – haben Sie ihn getötet?"
„Philipp Reiter hat sich selbst getötet. Vor zehn Jahren. Er wusste es nur noch nicht."
Die Leitung wurde tot.
Varga stand auf dem Bürgersteig, die Zigarette zwischen den Fingern, und starrte auf sein Handy. Um ihn herum floss der Verkehr, liefen Menschen, drehte sich die Welt weiter.
Aber für ihn hatte sie gerade angehalten.
Zurück in seinem Büro begann Varga zu graben. Alte Akten. Alte E-Mails. Alte Erinnerungen.
Projekt Meridian war 2012 gestartet worden – eine ambitionierte Initiative, um ein einheitliches europäisches Clearing-System zu schaffen. Sechs Unternehmen, sieben Entscheider, ein Ziel: die Zukunft des Zahlungsverkehrs.
Zwei Jahre lang hatten sie verhandelt, geplant, gestritten. Und dann, im Herbst 2014, war alles implodiert.
Varga erinnerte sich an die offizielle Version: technische Inkompatibilitäten, regulatorische Hürden, strategische Differenzen. Alles sehr sachlich. Sehr professionell.
Die inoffizielle Version war hässlicher.
Es hatte Leaks gegeben. Vertrauliche Informationen, die an die Presse gelangt waren. Interne Dokumente, die plötzlich bei der Konkurrenz auftauchten. Und dann die Schuldzuweisungen: Wer hatte geredet? Wer hatte verraten?
Am Ende hatte niemand gewonnen. Aber einige hatten mehr verloren als andere.
Varga öffnete eine alte Datei und scrollte durch die Namen der Projektbeteiligten. Da waren sie alle: Reiter, Mertens, Hoff, Brenner, er selbst, Breitner. Und ein siebter Name.
Stefan Lenz.
Varga hielt inne. Stefan Lenz. Der Mann, der am meisten verloren hatte.
Lenz war damals Head of Operations bei der FinBridge GmbH gewesen – einem mittelständischen Payment-Anbieter mit großen Ambitionen. Brilliant, ehrgeizig, getrieben. Er hatte an Meridian geglaubt – mehr als jeder andere. Hatte sein ganzes Unternehmen darauf ausgerichtet. Hatte alles auf eine Karte gesetzt.
Und als das Projekt scheiterte, war er der Sündenbock geworden. Die Leaks wurden ihm zugeschrieben – nie bewiesen, aber das spielte keine Rolle. In dieser Branche reichte der Verdacht.
Die FinBridge ging bankrott. Seine Ehe zerbrach. Seine Karriere war vorbei.
Und dann, 2016, verschwand Stefan Lenz. Einfach so. Keine Adresse, keine Spur, keine Erklärung.
Manche sagten, er sei ins Ausland gegangen. Andere sagten, er habe sich das Leben genommen. Niemand wusste es genau. Niemand fragte nach.
Bis jetzt.
Varga starrte auf den Namen. Stefan Lenz. Der siebte Name. Der geschwärzte Name.
Der Killer?
Es war nach Mitternacht, als Varga sein Büro verließ. Die Straßen waren leer, die Stadt still. Nur das Summen der Straßenlaternen und das ferne Rauschen des Verkehrs auf der Autobahn.
Er ging zu Fuß nach Hause. Er brauchte die Bewegung. Die kalte Luft. Die Zeit zum Nachdenken.
Stefan Lenz. Ein Mann, den er kaum gekannt hatte. Ein Mann, den er – wenn er ehrlich war – mitverantwortlich gemacht hatte für das Scheitern von Meridian. Nicht öffentlich, aber in den Gesprächen, die zählten. In den Hinterzimmern, in denen Karrieren gemacht und zerstört wurden.
Hatte er Unrecht getan? Hatte er einen Unschuldigen verurteilt?
Und wenn ja – war das ein Grund zu töten?
Sein Handy summte. Eine SMS von einer unbekannten Nummer.
„Susanne Mertens. Morgen. Passen Sie auf."
Varga blieb stehen. Susanne Mertens. Name Nummer zwei auf der Liste.
Er wählte ihre Nummer. Es klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Dann die Mailbox.
„Susanne, hier ist Thomas Varga. Ruf mich an. Sofort. Es ist dringend."
Er legte auf und beschleunigte seinen Schritt.
Morgen. Was auch immer das bedeutete – er hatte weniger als zwölf Stunden, um es herauszufinden.
Fortsetzung Folgt am 1.3.2026

