Zwei Monate. Sechs Länder. Ein Kopf, der leiser wurde.
Im November 2019 bin ich losgegangen. Nicht weg von etwas – sondern hin zu mir selbst. Eine Reise um die Welt. Die erste Hälfte mit meinem besten Freund, die zweite allein. Mit der Frage: Was passiert, wenn ich aufhöre zu funktionieren?
Was sich verändert hat
Ich bin nicht als anderer Mensch zurückgekommen. Aber als ein klarerer. Einer, der weiß, was er braucht – und was nicht. Der gelernt hat, dass Stille kein Feind ist. Dass Alleinsein kein Mangel ist. Dass Heimat ein Gefühl ist, kein Ort.
Die erste Hälfte der Reise hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, Erlebnisse zu teilen. Mit jemandem zu staunen, zu lachen, zu schweigen. Die zweite Hälfte hat mir gezeigt, dass ich auch allein genug bin. Dass ich mich nicht verliere, wenn niemand zuschaut.
Und ich habe gelernt: Du kannst aufhören zu warten. Auf den richtigen Moment. Auf die perfekte Gelegenheit. Auf irgendwann. Irgendwann ist jetzt. Es war immer jetzt. Du hast es nur vergessen.
Die Entscheidung, mir selbst zu erlauben, loszugehen. Ohne zu wissen, was passiert. Ohne Garantie, dass es sich lohnt. Ohne die Sicherheit, die wir uns so gerne einreden.
Es hat sich gelohnt. Nicht weil alles perfekt war. Sondern weil ich es getan habe. Weil ich aufgehört habe zu warten. Weil ich mir selbst bewiesen habe, dass ich mehr kann, als ich dachte.
Regret Nothing.
Jeder hat diesen einen Traum, der immer „irgendwann" passieren soll. Meiner war eine Weltreise. Zwei Monate. Ohne Alltag, ohne Termine, ohne die Rolle, die ich jahrelang gespielt habe.
2019 habe ich aufgehört zu warten. Ich habe meinen Chef gefragt, ob ich unbezahlten Urlaub nehmen kann. Er hat ja gesagt. Ich habe eine Route skizziert, einen Rucksack gepackt und bin losgegangen. Nicht weil alles perfekt war. Sondern weil ich verstanden habe: Es wird nie perfekt sein. Der richtige Moment ist der, den du dir nimmst.
Die erste Hälfte der Reise – von Stockholm bis Bali – habe ich mit meinem besten Freund Axel geteilt. Gemeinsam staunen, gemeinsam lachen, gemeinsam schweigen. Es gibt wenige Menschen, mit denen du wochenlang reisen kannst, ohne dass es anstrengend wird. Axel ist einer davon. Wir kennen uns seit Jahren, und diese Reise hat unsere Freundschaft noch tiefer gemacht.
Nach Bali trennten sich unsere Wege – und ich war zum ersten Mal wirklich allein. Taiwan, Bangkok, die letzten Wochen. Und genau da passierte etwas: Die Stille wurde lauter. Die Fragen wurden klarer. Und ich habe angefangen, Antworten zu finden, die ich vorher nicht hören konnte.
Was ich gesucht habe? Ruhe. Perspektive. Zeit für mich. Was ich gefunden habe? Mehr, als ich erwartet hatte. Und weniger, als ich dachte zu brauchen.
Die Route (Timeline)
Stockholm → New York → Las Vegas → San Francisco / Napa Valley → Hawaii → Tokio → Bali → Taiwan → Bangkok → Frankfurt
Die Stationen
1. Stockholm – Der erste Atemzug Freiheit
Stockholm war kein Zufall. Es war ein bewusster Start. Eine Stadt am Wasser, ruhig, klar, mit dieser nordischen Gelassenheit, die sofort auf dich abfärbt. Wir wollten nicht mit einem Knall beginnen, sondern mit einem tiefen Atemzug.
Die Altstadt Gamla Stan mit ihren engen Gassen. Das Vasa-Museum, in dem ein Schiff steht, das vor 400 Jahren gesunken ist – ein Monument für menschliche Hybris und gleichzeitig für die Schönheit des Scheiterns. Ein letztes Abendessen bei Gastrologik, einem der besten Restaurants Skandinaviens. Und dann: der Moment, in dem wir im Hotelzimmer saßen und wussten – jetzt beginnt es wirklich.
Stockholm hat uns gezeigt, dass Abschied nicht traurig sein muss. Manchmal ist er einfach der erste Schritt.
2. New York – Kunst, Kontraste und echte Freundschaft
New York ist laut. New York ist überwältigend. New York ist alles gleichzeitig. Und genau deshalb war es der perfekte Kontrast zu Stockholm. Vom Flüstern ins Schreien. Von der Stille in den Sturm.
Wir haben bei meinen Freunden Andy und Jakub gewohnt. Menschen, die ich seit Jahren kenne, aber selten sehe. Und trotzdem: Kaum waren wir da, war alles sofort wieder vertraut. Das ist echte Freundschaft – sie braucht keine Aufwärmphase. Sie ist einfach da.
Die Tage waren voll: Christie's Preview, wo Kunst für Millionen versteigert wird. Das Whitney Museum mit seiner brutalen Ehrlichkeit. MoMA, wo wir vor Bildern standen, die wir nur aus Büchern kannten. Die High Line, dieser Park auf einer alten Bahntrasse, der zeigt, wie man aus Verfall etwas Schönes machen kann. Und abends Moulin Rouge am Broadway – purer Eskapismus, aber manchmal braucht man genau das.
New York hat uns gezeigt: Du kannst überall zuhause sein, wenn die richtigen Menschen da sind.
3. Las Vegas – Illusion und Realität
Las Vegas ist eine Stadt, die nicht echt sein will. Alles ist Kulisse. Alles ist Show. Und genau das macht sie so faszinierend. Hier gibt es keine Authentizität – und gerade deshalb eine seltsame Ehrlichkeit. Las Vegas versteckt nicht, dass es fake ist. Es feiert es.
Wir haben Le Rêve gesehen, eine Wassershow, die so surreal ist, dass du nicht weißt, ob du träumst. Wir sind durch Casinos gelaufen, in denen es keine Uhren und keine Fenster gibt, weil die Zeit hier keine Rolle spielen soll. Wir haben ein bisschen Blackjack gespielt – nicht um zu gewinnen, sondern um zu verstehen, warum Menschen das tun.
Und irgendwann, mitten in all dem Neonlicht, kam die Frage: Was ist eigentlich real in meinem Leben? Was ist Show? Was ist echt? Las Vegas ist kein Ort für Antworten. Aber es ist ein verdammt guter Ort für Fragen.
4. San Francisco / Napa Valley – Wein, Herbst und Langsamkeit
Nach Las Vegas brauchten wir Ruhe. Und wir haben sie gefunden – in den Weinbergen von Napa Valley. Goldene Blätter, sanfte Hügel, Morgennebel, der sich langsam lichtet. Hier tickt die Welt anders. Langsamer. Bewusster.
Der Wine Train war ein Highlight: eine historische Eisenbahn, die durch die Weinregion fährt, während du isst, trinkst und aus dem Fenster schaust. Kein Ziel, nur der Weg. Genau das, was wir brauchten.
In Cupertino haben wir den Apple Park besucht – nicht weil wir Tech-Nerds sind, sondern weil uns interessiert hat, wie ein Unternehmen seine Philosophie in Architektur übersetzt. Die Antwort: mit sehr viel Glas, sehr viel Grün und sehr viel Stille.
Napa hat uns gezeigt, dass Entschleunigung kein Luxus ist. Sie ist eine Entscheidung. Du musst nicht in die Weinberge fahren, um langsamer zu werden. Du musst nur aufhören, dich selbst zu hetzen.
5. Hawaii – Das Meer und wir
Hawaii war der Ort, an dem wir zum ersten Mal wirklich still wurden. Nicht die Stille des Alleinseins – die kam später. Sondern die Stille, die entsteht, wenn du aufhörst, innerlich zu reden. Wenn du einfach nur schaust. Hörst. Atmest.
Maui hat uns gepackt. Die Road to Hana – eine Straße mit 600 Kurven und 50 Brücken, die dich durch Regenwälder, an Wasserfällen vorbei und zu schwarzen Stränden führt. Nicht das Ziel zählt, sondern jede einzelne Kurve.
Wir haben Surfer beobachtet, stundenlang. Nicht weil wir selbst surfen wollten, sondern weil es etwas Meditatives hat, Menschen zuzusehen, die im Moment sind. Die nicht nachdenken, sondern reagieren. Die mit dem Wasser arbeiten, nicht gegen es.
Abends im Ocean Bungalow, mit dem Rauschen der Wellen als einzigem Geräusch, haben wir verstanden: Schönheit braucht keine Worte. Manchmal braucht sie nicht mal Gedanken. Manchmal reicht es, da zu sein. Zusammen.
6. Tokio – Präzision und Poesie
Japan ist ein eigenes Universum. Alles funktioniert. Die Züge sind pünktlich auf die Sekunde. Die Menschen sind höflich auf eine Art, die nie aufgesetzt wirkt. Und das Essen – selbst in der kleinsten Nudelbar – ist ein Kunstwerk.
Tokio hat uns überwältigt, aber nicht erschlagen. Es ist laut und leise gleichzeitig. Hektisch und meditativ. Modern und uralt. Diese Widersprüche existieren hier nicht nebeneinander – sie gehören zusammen.
Das Edo-Tokyo Museum hat uns die Geschichte dieser Stadt erzählt – von den Samurai bis zu den Wolkenkratzern. Die Mitsukoshi Food Hall im Kaufhaus war wie ein Museum für Essen: perfekt arrangiert, fast zu schön zum Essen. Und Ramen um Mitternacht in einer winzigen Bar mit acht Plätzen war besser als jedes Fünf-Sterne-Menü.
Tokio hat uns gezeigt, dass Perfektion nicht kalt sein muss. Sie kann auch Liebe sein – Liebe zum Detail, zum Handwerk, zum Moment.
7. Bali – Der letzte gemeinsame Ort
Ich war schon einmal in Bali, zwölf Jahre zuvor. Damals war ich ein anderer Mensch. Jünger, unruhiger, auf der Suche nach etwas, das ich nicht benennen konnte. Diesmal kam ich mit anderen Augen – und mit meinem besten Freund.
Ubud hat uns empfangen wie alte Freunde. Die Reisterrassen, die im Morgenlicht leuchten. Die Tempel, in denen der Weihrauch in der Luft hängt. Die Menschen, die lächeln, ohne etwas zu wollen.
Wir haben im COMO Uma Ubud gewohnt – einem Ort, der Ruhe nicht predigt, sondern lebt. Yoga am Morgen, nicht weil es hip ist, sondern weil es hilft. Balinesische Küche, die wir diesmal wirklich verstehen wollten: die Gewürze, die Techniken, die Philosophie dahinter.
Und dann kam der Abschied. Axel flog nach Vietnam. Ich blieb. Ab jetzt war ich allein. Es war seltsam, nach Wochen des Teilens plötzlich nur noch meine eigenen Gedanken zu hören. Aber es war auch richtig. Die Reise brauchte diesen zweiten Teil.
8. Taiwan – Alleinsein als Geschenk
Taiwan war der Ort, an dem ich das Loslassen wirklich gelernt habe. Nicht als Konzept, sondern als Praxis. Hier war ich zum ersten Mal wirklich allein – und zum ersten Mal wirklich bei mir.
Taipei ist eine Stadt, die nicht laut um Aufmerksamkeit bettelt. Sie ist einfach da. Freundlich, unaufgeregt, mit einem eigenen Rhythmus. Kleine Gassen mit Garküchen. Bubble Tea an jeder Ecke. Und das MOCA – ein Museum für zeitgenössische Kunst, das Fragen stellt, statt Antworten zu geben.
Hier habe ich eine Übung gemacht, die mich verändert hat: Ich habe meine Sorgen aufgeschrieben, sie angeschaut – und sie dann angelächelt. Klingt absurd. Aber es funktioniert. Du nimmst ihnen die Macht, indem du sie nicht mehr so ernst nimmst.
Taiwan hat mir gezeigt: Einsamkeit ist nicht das Gegenteil von Glück. Sie kann der Weg dorthin sein. Wenn du aufhörst, sie zu fürchten, wird sie zu einem Geschenk.
9. Bangkok – Abschied und Dankbarkeit
Bangkok war das Finale. Die letzte Station vor der Rückkehr. Und es hätte keine bessere sein können. Diese Stadt ist Chaos und Ordnung, arm und reich, alt und neu – alles gleichzeitig, alles nebeneinander, alles irgendwie funktionierend.
Ich habe Street Food gegessen, das besser war als manches Restaurant in Europa. Ich bin durch Gassen gelaufen, in denen das Leben pulsiert – Händler, Mönche, Touristen, Katzen, Motorräder, alles auf engstem Raum. Ich habe Tempel besucht, in denen die Zeit stehen bleibt.
Weihnachten bei 30 Grad. Kein Schnee, kein Tannenbaum, keine Tradition. Und trotzdem: ein Gefühl von Frieden. Weil ich wusste, dass diese Reise mich verändert hat. Nicht radikal. Aber nachhaltig.
Bangkok hat mir gezeigt: Abschied ist kein Ende. Er ist der Beginn von etwas Neuem. Und Dankbarkeit ist keine Pflicht – sie ist ein Geschenk, das du dir selbst machst.

