Assets – Prolog

Am Genfersee, im November

Der See hatte um diese Stunde noch keine Farbe, nur einen Zustand. Er lag da wie gewalztes Zinn, ohne Wellen und ohne Schiffe, und nur dort, wo vom anderen Ufer das erste Licht herüberkam, zog sich eine dünne Naht aus Silber über das Wasser. Dahinter stand die französische Seite im Dunst, ein flacher grauer Streifen, und darüber, höher, als man es erwartete, die Berge. Noch hatten sie keine Kontur. Es waren hellere Stellen im Dunkel, die erst mit dem Tag zu Schnee werden würden.

Er stand seit einer halben Stunde am Fenster. Das Glas reichte vom Boden bis zur Decke, und er hatte sich angewöhnt, einen Schritt davor stehen zu bleiben, nicht näher, als halte er Abstand zu einem Tier. Das Haus lag am Hang oberhalb des Ufers, zwischen Reben, die um diese Jahreszeit nur noch Gestänge waren, und man erreichte es über einen Kiesweg, auf dem jeder Schritt zu hören war, auch der von Leuten, die nicht gehört werden wollten. Er hatte es nicht wegen der Aussicht gekauft. Er hatte es wegen der Ruhe gekauft, und inzwischen wusste er, dass beides dasselbe Produkt war. Man bezahlte für Abstand.

Er war Mitte sechzig, hager, in einem grauen Wollpullover, dessen Ellbogen glatt gescheuert waren. Die Hände hielt er auf dem Rücken. Es waren die Hände eines Mannes, der früher mit ihnen gearbeitet hatte, bevor er gelernt hatte, andere für sich arbeiten zu lassen. Physiker war er gewesen, ehe das Geld kam, und es zeigte sich noch immer darin, wie er schaute. Er sah nicht den See. Er sah, wie sich der Nebel auf dem See verhielt, und wartete, bis er es verstanden hatte. Wer mit ihm sprach, senkte unwillkürlich die Stimme, nicht aus Furcht, sondern weil er selbst nie eine erhob. Seine Leute hatten gelernt, zweimal zu klopfen, leise und im Abstand eines Atemzugs.

Es klopfte zweimal.

„Herr Doktor.“

Max kam herein und blieb an der Tür stehen. Er war Mitte dreißig, Schweizer, im dunklen Anzug ohne Krawatte, und er hatte nichts in den Händen. Das war schon die Nachricht. Schlechte Neuigkeiten hatte er ihm in all den Jahren auf Papier gebracht, gute am Telefon, und wenn er mit leeren Händen kam, gab es etwas zu sagen, das nicht festgehalten werden sollte.

„Ja, Max.“

„Sie hatten recht.“

Er drehte sich nicht um. Auf dem See öffnete sich der Nebel an einer Stelle, als habe jemand einen Vorhang einen Spalt weit zur Seite geschoben.

„Das Bild ist auf dem Markt“, sagte Max.

„Seit wann?“

„Seit gestern Abend im Katalog. Ein Haus in Frankfurt. Kersten, Frau am Fenster, Winter, um 1936. Der Einlieferer bleibt anonym.“

„Und die Provenienz?“

„Mit einer Lücke.“

„Natürlich“, sagte er.

Max wartete. Er hatte gelernt, dass auf einen Satz dieser Art keine Frage folgte, sondern eine Pause, und dass es klug war, sie nicht zu füllen.

„Soll ich das Haus kontaktieren?“

„Noch nicht. Danke, Max.“

Die Tür schloss sich fast ohne Geräusch.

Er blieb stehen. Das Glas vor ihm gab sein Gesicht nur schwach zurück, einen blassen Umriss über der Landschaft, und er dachte an ein anderes Fenster, das mit Eisblumen zugewachsen war, in einer Küche, die sie sich mit drei anderen Familien geteilt hatten. Darüber hatte das Bild gehangen, an einem Nagel, den sein Vater in die Wand geschlagen hatte. Eine Frau am Fenster, im Winter, und in der Scheibe ein zweites Gesicht. Als Kind hatte er geglaubt, die Frau auf dem Bild sei seine Mutter, und seine Mutter hatte nie widersprochen. Erst viel später erfuhr er, dass es ihre Mutter war, die der Maler im Winter 1936 ans Fenster gesetzt hatte, in einem Alter, in dem sie ihrer Tochter zum Verwechseln ähnlich sah.

In dem Winter, als er zehn wurde, kamen zwei Männer mit einem Papier. Sie waren höflich. Sie hatten einen Stempel dabei, und sie gingen mit vier Dingen, darunter dem Bild, das sie, wie sie sagten, nur zur Begutachtung mitnahmen. An diesem Papier hatte er früh gelernt, dass Gewalt am besten in der Sprache der Verwaltung auftritt. Sie klingt nach Ordnung, und niemand schreit.

Er hatte danach nie wieder ein Bild gekauft, ohne zuerst zu fragen, woher es kam. Er sammelte Werke mit Lücken, mit Jahren ohne Nachweis und Händen, die nirgends verzeichnet waren, und er suchte, wie man Wasserstände misst: geduldig und ohne Hoffnung auf ein einzelnes Ergebnis. Vor ungefähr zehn Jahren hatte er aufgehört zu hoffen. Oder genauer: aufgehört, es sich einzugestehen.

Draußen löste sich der Nebel. Auf dem See setzte sich zum ersten Mal an diesem Morgen ein Schiff in Bewegung, ein weißer Raddampfer, der seit hundert Jahren denselben Kurs fuhr, ohne dass je jemand gefragt hätte, warum.

Ein Bild taucht nicht auf, dachte er. Es wird aufgetaucht. Jemand musste sehr genau gewusst haben, wann. Und er wusste auch, dass er trotzdem bieten würde.

Er ging zum Schreibtisch, nahm den Hörer des Telefons ab, das kein Display hatte und nur eine einzige Nummer kannte, und wartete. Es klingelte zweimal.

„Guten Morgen, Herr Doktor Kzeki“, sagte eine Stimme, die höflich war wie ein Handschlag und nicht überrascht.

„Sie haben den Katalog gesehen.“

„Wir sind im Bilde.“

„Dann bitte ich Sie, den Kauf zu übernehmen. In Frankfurt, in Ihrem Namen, nicht in meinem.“

„Selbstverständlich. Wir würden gern ein Limit festlegen, damit …“

„Der Preis spielt keine Rolle.“

Am anderen Ende wurde es still, nur einen Atemzug lang. Der Satz klang fremd in seinem Mund. Er hatte ihn sein Leben lang von anderen gehört, und er hatte immer gewusst, dass er gelogen war.

„Verstanden“, sagte die Stimme.

Er legte auf, bevor sie ihm versichern konnte, wie diskret man sei. Diskretion war das Einzige, was er bereits bezahlt hatte.

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Kapitel 1: Auktion