Kapitel 1: Auktion
Perspektive: Tanja Franke
Der Saal roch nach Parkett und nach Geld, das sich Mühe gab, nicht zu riechen. Zweihundert Stühle, fast alle besetzt, an der Seite eine Reihe von Telefonen, hinter denen junge Leute in dunklen Anzügen saßen und so taten, als seien sie nicht nervös. An der Stirnwand hing kein Bild. Es gab nur eine Leinwand, auf der jedes Los in Euro, Dollar und Schweizer Franken erschien, als müsse jede Währung einmal angesehen haben, was sie bezahlen würde.
Tanja Franke saß in der fünften Reihe am Gang, die Bieterkarte mit der Nummer 417 auf dem Knie. Sie leitete bei der Bank den Bereich Art Services. Die Frankfurter Niederlassung war auf dem Papier eine Filiale und im Alltag ein Versprechen: Wer hier etwas verwahren ließ, bekam Ruhe mitgeliefert. Heute bot sie für einen Kunden, dessen Namen sie nicht kannte. Das war nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war nur, wie viel Mühe man sich gegeben hatte, ihr zu sagen, dass es nicht ungewöhnlich sei.
In ihrem rechten Ohr lag seit zwanzig Minuten eine offene Leitung. Niemand sprach. Es atmete nur jemand, ruhig und gleichmäßig, wie ein Mensch, der gewohnt ist, dass andere auf ihn warten. Sie kannte diesen Atem. Sie hatte ihn nie anders genannt als Herr Vorstand.
Seit sie sich gesetzt hatte, spürte sie noch etwas anderes, und es dauerte, bis sie wusste, was. In der dritten Reihe saß ein Mann, der kein einziges Mal die Karte gehoben hatte. Kein junger, kein alter; bei ihm schätzte man das Alter an der Aufmerksamkeit. Dunkler Mantel, müde Augen, die Karte mit der Nummer 311 flach auf dem Oberschenkel, als sei sie ein Beleg und kein Werkzeug. Am Vormittag hatte man ihr gesagt, ein Herr Varga sei Gast des Hauses. Er beobachte nur. Er stelle vielleicht Fragen, und sie möge antworten, soweit sie dürfe. Sie hatte nicht gefragt, wozu eine Bank jemanden einlädt, der nichts kaufen will. In diesem Haus lernte man früh, welche Fragen sich nicht lohnten.
„Los siebenundvierzig“, sagte der Auktionator. „Lew Kersten, Frau am Fenster, Winter, um 1936. Öl auf Leinwand.“ Das Bild erschien auf der Leinwand. Eine Frau in einem dunklen Kleid, das Gesicht dem Fenster zugewandt, an dem Eisblumen wuchsen, und in der Scheibe, kaum zu erkennen, ein zweites Gesicht. Tanja hatte es drei Tage zuvor bei der Vorbesichtigung gesehen und sich dabei ertappt, wie sie länger davorstand, als ihr Beruf es verlangte. Der Schätzpreis lag bei hundertzwanzig bis hundertachtzigtausend Euro. „Wir eröffnen bei achtzigtausend.“
Die ersten Gebote kamen aus dem Saal, schnell und ohne Gefühl, wie Münzen in einen Automaten. Bei hundertfünfzig fielen die ersten Karten. Bei zweihundert hob Tanja ihre. „Mit“, sagte die Stimme in ihrem Ohr, das einzige Wort, das sie in zwanzig Minuten gehört hatte. Am Telefon Nummer vier hob eine junge Frau den Zeigefinger, jedes Mal, bevor Tanja ihre Karte wieder gesenkt hatte, als wisse sie, was kam. Dreihunderttausend. Vierhunderttausend. „Weiter“, sagte die Stimme. Der Saal wurde leiser, so wie ein Raum leiser wird, wenn Leute begreifen, dass sie gerade nicht mehr zuschauen, sondern Zeugen sind. Bei sechshunderttausend hörten die Hände im Saal auf. Es blieben das Telefon Nummer vier und die fünfte Reihe. Bei achthunderttausend zögerte die junge Frau zum ersten Mal. „Weiter“, sagte die Stimme. Neunhunderttausend. Die junge Frau senkte den Finger.
„Zum Ersten“, sagte der Auktionator. „Zum Zweiten.“ Er ließ sich Zeit, wie Auktionäre es tun, wenn sie wissen, dass die Pause mehr wert ist als jedes Wort. „Zum Dritten.“ Der Hammer fiel. „Nummer vierhundertsiebzehn.“ Frankfurt klatscht nicht. Man nickte, und das Nicken bedeutete: ordnungsgemäß.
„Danke“, sagte die Stimme im Ohr. Dann war die Leitung tot.
Als der Saal sich zu leeren begann, stand Tanja auf und musste durch den Seitengang, wo eine Frau in einem grauen Mantel ein schmales Heft in die Tasche steckte. Die Frau lächelte, höflich und ohne Anlass, so, wie man lächelt, wenn man dazugehört. Tanja lächelte zurück und hatte sie vergessen, noch ehe das Lächeln fertig war.
„Frau Franke?“ Der Mann aus der dritten Reihe stand plötzlich neben ihr, ohne dass sie ihn hatte kommen sehen. „Thomas Varga. Man hat mir gesagt, Sie seien die Richtige für meine Fragen.“ „Ich beantworte, was ich darf.“ „Das ist die Art von Antwort, die ich am liebsten mag.“ Er sagte es ohne Lächeln, aber auch ohne Spott. „Eine Frage. Wer hat das Bild eingeliefert?“ „Das darf ich Ihnen nicht sagen.“ „Das war nicht meine Frage.“ Er ließ ihr einen Moment. „Ich wollte wissen, ob Sie es wissen.“
Tanja öffnete den Mund und schloss ihn wieder. In achtzehn Jahren Bankgeschäft hatte sie gelernt, dass man ein Nein ohne Gründe aussprechen konnte und ein Ja nur mit. Was man tut, wenn man etwas nie gefragt hat, hatte ihr niemand beigebracht.
Sie hatte ein Bild für neunhunderttausend Euro gekauft, für einen Kunden, den sie nie gesehen hatte, im Auftrag einer Stimme, die nie mehr als ein Wort gesagt hatte, von einem Einlieferer, dessen Namen niemand genannt hatte. Alles daran war ordnungsgemäß. Das war das Beunruhigende. Es war ordnungsgemäß.
Perspektive: Sophie Marek, Telefondienst des Auktionshauses
Sophie Marek hatte gelernt, dass Telefonbieter keine Stimmen sind, sondern Atemzüge. Man hörte, ob jemand noch wollte, lange bevor er es sagte. Der Mann an Leitung vier, den man im Haus nur als den Londoner kannte, wollte schon seit fünf Minuten nicht mehr. Er bot trotzdem.
Sie saß am vierten Platz der Reihe, das Headset ein wenig zu fest, den Zeigefinger über der Tischkante, wie es die Hausregel verlangte: Finger hoch, wenn der Kunde bietet, Finger unten, wenn nicht. Der Auktionator sah sie dann an, nickte und rief den nächsten Betrag. Ein einfaches Verfahren. Es hatte nur einen Fehler, und der war der Londoner. Ein Mensch, der auf eine Zahl wartet, hört sie erst, wenn sie gesprochen wird. Der Londoner sagte „Ja“, bevor der Auktionator den Betrag zu Ende gerufen hatte. Jedes Mal. Als wisse er, was kam.
Sie hatte es beim zweiten Gebot bemerkt und beim fünften nicht mehr bezweifelt. Sie hatte auch in der Kundenakte nachgesehen. Der Londoner hatte in diesem Haus in drei Jahren neun Mal geboten und nie ein Los erhalten. Seine Bankreferenz stammte von einem Institut in London, das niemand angerufen hatte, weil niemand die Referenz je hatte prüfen müssen. Wer nie gewinnt, kostet nichts.
Bei achthunderttausend zögerte er zum ersten Mal, oder tat so. „Weiter?“, fragte Sophie ins Mikrofon, wie es Vorschrift war. Eine Pause, in der sie ihn atmen hörte. „Ja“, sagte er. Aus der fünften Reihe kamen neunhunderttausend. Der Londoner schwieg einen Moment, sehr kurz, so kurz, wie man schweigt, wenn man etwas Vereinbartes tut. „Das reicht“, sagte er. Dann war die Leitung leer.
Nach dem Zuschlag kam der Leiter des Hauses an ihren Platz, ein Mann mit einer Krawatte in der Farbe von Zufriedenheit, und beugte sich zu ihr. „Alles in Ordnung, Frau Marek?“ „Ja“, sagte sie. Sie hätte mehr sagen können. Er bedankte sich schnell, bevor sie anfing, und sie begriff, dass die Frage nur dazu da gewesen war, die Antwort zu hören.
Sie trug das Gebot in das Telefonprotokoll ein: Leitung 4, Gebote bis 900.000, Bieter ausgestiegen. Beim Feld Bemerkung blieb der Cursor stehen. Sie schrieb: Gebot erloschen. Es klang wie etwas, das von selbst geschieht.
Perspektive: Max
Max wartete bis nach dem Abendessen, das Dr. Kzeki wie immer nur berührt hatte, und brachte die Nachricht erst, als die Lichter am anderen Ufer angegangen waren. Er hatte es sich so angewöhnt: schlechte Nachrichten am Morgen, gute am Abend, und alles, was beides sein konnte, erst dann, wenn der Himmel keine Meinung mehr dazu hatte.
Der Doktor saß in der Bibliothek, in dem Sessel, der zum See zeigte, und hatte kein Licht gemacht außer der kleinen Lampe neben dem Buch, das er nicht las. Das Fenster war schwarz. Darin spiegelte sich der Raum, und in der Mitte des Raums ein Umriss mit einem Buch auf den Knien.
„Zuschlag, Herr Doktor“, sagte Max. „Neunhunderttausend. Mit Aufgeld eine Million einhundertfünfundzwanzigtausend.“
„Mit Aufgeld.“
„Fünfundzwanzig Prozent.“
„Man bekommt etwas dazu“, sagte der Doktor. Es war kein Scherz. Es war die Art, wie er Wörter prüfte, bevor er sie benutzte. „Wer hat dagegen geboten?“
„Zuerst der Saal, dann ein Telefon. Ein Herr aus London.“
„Aus London.“ Er wiederholte es, wie man eine Adresse wiederholt, die man nachschlagen wird.
Max wartete. Elf Jahre arbeitete er für diesen Mann, und er kannte die Pausen. Es gab Pausen, in denen der Doktor nachdachte, und Pausen, in denen er sich erinnerte. Die zweite Sorte dauerte länger und hatte kein Gesicht.
„Soll ich jemanden nach Frankfurt schicken?“, fragte er. „Zur Übergabe. Wir könnten das Bild begleiten lassen.“
„Nein.“ Der Doktor schlug das Buch zu, ohne die Seite zu merken. „Wer hinschaut, wird gesehen. Das Bild reist ohne uns.“
„Sehr wohl.“
Max stand schon an der Tür, als die Stimme noch einmal kam, leiser als zuvor. „Haben Sie je ein Bild gesehen, Max, das Sie erkannt haben, ohne es jemals gesehen zu haben?“
„Nein, Herr Doktor.“
„Dann haben Sie Glück.“
Im Flur blieb Max einen Moment stehen. In elf Jahren hatte er seinen Chef nie verängstigt gesehen, und er sah es auch jetzt nicht. Er sah etwas anderes: einen Mann, der eine Angst so sorgfältig verwaltete wie sonst alles, mit Konten, mit Fristen, mit einem Platz für jeden Beleg. Max schaltete das Licht im Flur aus, bevor er ging. Er wusste nicht, warum er das tat. Vielleicht, damit der Doktor im Fenster sehen konnte, was draußen war.
Notiz: Maya Winter, Arbeitsunterlagen zur Serie „Kunsthandel und Steuern“
Teil 1: Was ein Preis ist
Ein Bild hat keinen Preis. Es hat einen Zuschlag. Der Unterschied ist, dass ein Preis eine Auskunft ist und ein Zuschlag ein Ereignis: Jemand hat an einem Abend, in einem Raum, unter bestimmten Umständen eine Zahl gesagt, und niemand hat widersprochen.
Fünf Dinge, die ein Zuschlag nicht verrät:
wer das Bild verkauft hat,
wer es kauft,
wer nur mitbietet, damit der Preis steigt,
was das Bild vorher gekostet hat und
wem es danach gehört.
Das Steuerrecht kennt für den Handel die Differenzbesteuerung: Besteuert wird nicht der ganze Preis, sondern nur die Spanne zwischen Einkauf und Verkauf. Das setzt voraus, dass jemand den Einkaufspreis belegen kann. Genau das ist die Frage, die der Markt am liebsten nicht stellt.
Notiz an mich: Nicht fragen, ob etwas teuer ist. Fragen, wer es bezahlt hat.

